15.07.2010 / 02:00 / Aleks Scholz liest: Einladung an die Waghalsigen (Dorothee Elmiger)

Florida (1-44)

Eigentlich sollte ich mich mit Zeit befassen. Dringend muss ich mehr über Zeit wissen, viel wichtiger, ich muss dringend mehr darüber wissen, was wir nicht über Zeit wissen, warum das so ist und was man dagegen tun kann, ausser verzweifeln. Dazu müsste ich Bücher lesen mit richtigen Fakten und Zeug, und das mache ich auch gleich wieder. Zwischendurch mal was Ausgedachtes. Ich lese sonst nie Ausgedachtes. Ich frage mich ausserdem, was Arthur von mir will. Arthur heisst die Katze, irgendeine Katze.

Es war nicht trivial, an das Buch zu kommen. Als es auf der Insel ankam, verschwand es zunächst in einer Spalte der Poststelle, an die sich niemand mehr erinnern konnte. Die Poststelle ist im Keller des Shelbourne-Hauses eingebaut, ein angenehmer, kühler Ort mit Neonlicht, Ordnung, vielen Fächern, leisem Radio und zwei Männern ohne Haaren, die durch eine Luke mit einem sprechen. Dazu müssen sie sich bücken. Nach ein paar Tagen stellt sich das Buch wieder an einem normalen Ort ein. Auf dem Einband abgebildet ist ein Geierviertel, so ungefähr jedenfalls. Ich halte den Geier kurz neben Arthur; ihre Augen ähneln sich.


Quelle

Immer weniger glaube ich an die Gegenwart. Es macht einfach keinen Sinn, an das Vergehen der Zeit zu glauben, nicht, wenn die Perspektive die eines Wissenschaftlers ist. Die Gegenwart, der rote Punkt, der langsam durch die Zeit wandert, existiert nur, weil ich existiere. Die Welt soll aber auch ohne mich funktionieren. Es gibt kein Jetzt da draussen. Es gibt keinen roten Punkt da draussen. Kein einziges Experiment hat je einen roten Punkt in der Zeit ans Licht gebracht.

Unter diesen Umständen ist es schwer, ein Buch zu lesen, in dem alles voller Jetzt ist. "Später ist es zu spät, es ist jetzt, immer Jetzt, und Unbedingt." Die Markierungen stehen genau so da, ihre Existenz beklagenswert. Aber es ist trotzdem falsch zu behaupten, die Vergangenheit sei vorbei und die Zukunft noch nicht da. Alles ist da, fast hätte ich immer schon gesagt. Aber immer schon gibt es ganz sicher auch nicht. Die Ungewissheit der Zukunft ist unser Problem, nicht das der Welt da draussen. Wer sich davon nicht löst, wird nicht klarkommen. Margarete Stein muss noch lernen. Ihr Regal enthält leider kein einziges Buch über Physik und nur eine Einführung in die Astronomie. Arthur geht jetzt.

gut: Riesenwels, Fragezeichenorgie (Seite 25-26), angenehme Nahrungsmittel, gute Sätze, mehr gute Sätze, wirrer Quatsch

schlecht: bedrohliche Supermetaphern (Land, Fluss, Buch), erheblicher Actionmangel, wirrer Quatsch

44 von 143 Seiten

Aleks Scholz / Dauerhafter Link